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Obdachlosigkeit ist kein Schicksal

Obdachlosigkeit ist kein Schicksal

Obdachlosigkeit ist kein Schicksal

Obdachlosigkeit wird häufig als unvermeidbare Begleiterscheinung gesellschaftlicher Krisen dargestellt: zu wenig Wohnraum, überlastete Kommunen, leere Kassen. In politischen Debatten dominiert oft der Eindruck, der Sozialstaat stoße an seine Grenzen. Doch es gibt Kommunen, die zeigen, dass es auch anders geht. Eine davon ist Karlsruhe.

Im Rahmen einer Veranstaltung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe stellte der ehemalige Bürgermeister der Stadt, Dr. Lenz, den Karlsruher Ansatz zur Bekämpfung von Obdachlosigkeit vor. Seine zentrale Botschaft war ebenso einfach wie unbequem: Es mangelt nicht am Geld. Es mangelt an Struktur, Durchlässigkeit und politischer Klarheit.

Nicht verwalten, sondern beenden

Karlsruhe hat früh eine grundlegende politische Entscheidung getroffen: Obdachlosigkeit sollte nicht dauerhaft verwaltet, sondern möglichst verhindert und beendet werden. Diese Haltung prägte über Jahre hinweg das Handeln von Verwaltung und Politik – und genau darin liegt ein wesentlicher Erfolgsfaktor.

Statt Menschen langfristig in Notunterkünften unterzubringen, wurde konsequent auf eine Wohnraumorientierung gesetzt. Ziel war immer der schnelle Zugang zu regulärem Wohnraum, begleitet durch soziale Unterstützung. Möglich wurde dies durch ein enges Zusammenspiel verschiedener Akteure: Stadtverwaltung, freie Träger, Wohnungsbaugesellschaften, private Vermieter:innen und Streetwork arbeiteten nicht nebeneinander, sondern verbindlich zusammen.

Prävention ist günstiger als Reparatur

Ein weiterer zentraler Baustein war die konsequente Prävention. Drohende Wohnungsverluste wurden frühzeitig erkannt, Mietschulden übernommen und gemeinsam mit Vermieter:innen Lösungen entwickelt. Zwangsräumungen sollten – insbesondere im kommunalen Verantwortungsbereich – möglichst vermieden werden.

Dieser Ansatz ist nicht nur sozial wirksam, sondern auch ökonomisch sinnvoll. Denn jeder verhinderte Wohnungsverlust spart langfristig erhebliche Kosten für Unterbringung, Gesundheitsversorgung und soziale Folgeschäden.

Das eigentliche Kostenproblem liegt woanders

Dr. Lenz machte deutlich, dass steigende Kosten häufig dort entstehen, wo Hilfesysteme voneinander abgeschottet sind. Unterschiedliche Zuständigkeiten, getrennte Budgets und fehlende Abstimmung führen dazu, dass Probleme verschleppt und teurer werden, als sie sein müssten.

Karlsruhe hat dem ein pragmatisches Modell entgegengesetzt: durchlässige Strukturen, klare Zuständigkeiten und langfristige politische Rückendeckung. Der Erfolg beruhte nicht auf einem einzelnen Projekt, sondern auf Verlässlichkeit über Jahre hinweg – auch dann, wenn Entscheidungen unbequem waren.

Wohnungslosigkeit ist politisch lösbar

International ist diese Perspektive längst anerkannt. Mit der Agenda 2030 haben sich die Vereinten Nationen verpflichtet, Armut in all ihren Formen zu überwinden und Wohnungslosigkeit nachhaltig zu beenden. Der Anspruch, niemanden zurückzulassen und allen Menschen Zugang zu angemessenem, sicherem und bezahlbarem Wohnraum zu ermöglichen, steht jedoch vielerorts im Widerspruch zur politischen Realität.

Der Karlsruher Ansatz zeigt: Wohnungslosigkeit ist weder naturgegeben noch alternativlos. Sie ist das Ergebnis politischer Entscheidungen – und kann durch andere Entscheidungen deutlich reduziert werden. Kommunen verfügen über mehr Handlungsspielräume, als oft behauptet wird. Entscheidend ist, ob sie genutzt werden.

Warum dieses Beispiel verbreitet werden sollte

Gerade in Zeiten, in denen ständig von knappen Kassen und Überforderung die Rede ist, braucht es Beispiele wie Karlsruhe. Sie zeigen, dass soziale Politik nicht zwangsläufig immer teurer wird, sondern vor allem klüger organisiert werden muss.

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